1957 beschäftigte man sich in Görlitz sehr ernsthaft mit einem "Heimattierpark oder Kinder-Zoo?". Henry Kraft, der damalige Gartenbaudirektor, schrieb im Görlitzer Kulturspiegel der Stadt und des Landkreises: "Im Nationalen Aufbauwerk 1957 hat sich der Rat der Stadt Görlitz eine bedeutende Aufgabe gestellt. Nach vielfachen Anregungen interessierter Kreise und besonders der Jugend soll ein Heimattierpark oder Kinder-Zoo eingerichtet werden."
Zu dieser Zeit war bereits mit der Planung und den Vorarbeiten für einen Heimattierpark begonnen worden. Außer Henry Kraft beteiligten sich daran maßgebend der Oberbürgermeister Bruno Gleißberg, der  Abteilungsleiter für Kultur des Rates der Stadt Alfred Kogel und die Zoologin des "Museums für Naturkunde" Gisela Vater.
Man war sich einig, dass als Tierpark-Gelände nur der "Park der Werktätigen" an der Zittauer Straße, der nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Raupach‘schen Privatpark entstanden war, in Frage kam. Wertvolle Anregungen erhielten die Initiatoren vom damaligen Direktor des Zoologischen Gartens Dresden, Wolfgang Ullrich, der während einer Aussprache und Geländebesichtigung Hinweise zur Anlage eines Heimattierparks gab.
Noch im selben Jahr begannen die ersten freiwilligen Helfer im Nationalen Aufbauwerk mit der Errichtung des Bärenzwingers, dem Bau eines Ponystalls und der ersten Gehege für Wildschwein und Reh.
Im Frühjahr 1958 vollendeten dann Kollegen des VEB Waggonbau, des VEB Bau und der Wasserwirtschaft den Bärenzwinger, in dem am 31. Mai die ersten beiden Braunbären ihr Quartier bezogen.

Historie-baerenzwinger1958 begann man mit dem Bau eines Freilandterrariums und eines Planschbeckens. Außerdem wurden Fasanvolieren mit einem Schutzhaus errichtet und eine Wasserleitung verlegt. Die Spendenbüchsen erbrachten in diesem Jahr einen Erlös von 2.683,49 Mark.
Anfang 1959 rief Gartenbaudirektor Henry Kraft die Görlitzer Bevölkerung erneut auf, beim weiteren Ausbau des Tierparks zu helfen. So entstanden u. a. durch die Unterstützung des VEB(K) Bau, der Kaninchenzüchter und der Sparte Terrarien- und Aquarienfreunde eine Voliere für Heimatvögel (übrigens schon damals mit dem Ziel der Nutzung für den Biologieunterricht!), Anlagen für Wellensittiche und Eichhörnchen, eine Kaninchenanlage sowie Häuser und Gehege für Zwergziegen und Damhirsche. Abgeschlossen wurde der Bau des Freilandterrariums und des Planschbeckens. Mit berechtigtem Stolz eröffnete man dies als erstes in Görlitz.
Für ein Affenhaus, eine Futterküche mit Lagerräumen und ein Schutzhaus für Besucher wurden erste Handgriffe getan.
Das Interesse der Görlitzer Bevölkerung wuchs weiter: Im Jahre 1959 spendete man schon über 8.000,00 Mark für den Tierpark, und in einem Bericht an den Abteilungsleiter für Kultur schrieb Henry Kraft: "Nach vorsichtiger Schätzung waren (1959, Anm. des Verf.) etwa 275.000 - 300.000 Besucher zu verzeichnen, eingerechnet der Besuch Dutzender Schulklassen.


In Zusammenarbeit mit dem Rat der Stadt verstand es Henry Kraft in ganz besonderem Maße, Begeisterung zu wecken, sei es durch die bereits genannten vielfältigen Baumaßnahmen, die die Anziehungskraft des Tierparks ungemein erhöhten, oder die Schaffung von Höhepunkten auf anderer Ebene. Erwähnt wurde bereits das Planschbecken; hinzu kam zum Beispiel aber auch das Aufstellen von Plastiken: 1959 "Junger Kragenbär" und 1960 "Junge mit Taube" des Bildhauers R. Enderlein.
Anfangs plante man, die Errichtung von Gebäuden und Anlagen bis 1960 abzuschließen. Da der Tierpark aber wie erwähnt einen derart großen Anklang fand, entschloss man sich, ihn noch weiter auszubauen und nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben.

Historisches-ansichtskarteDer Tierbestand war inzwischen auf etwa 200 Exemplare angewachsen, unter ihnen als größte Attraktion sieben Rhesusaffen aus Indien. Die große Zahl von Tieren verschiedenster Arten erforderte eine sachkundige Pflege und Betreuung. Aus diesem Grunde holte man Arnold Müller, der sich im Magdeburger Zoo und als Leiter des Stendaler Heimattiergartens bereits tiergärtnerische Sporen verdient hatte, im Oktober 1960 nach Görlitz. Unter seiner Leitung setzte sich die stürmische Entwicklung des Tierparks fort.
Schon 1962 wurden dort 203 Vögel, 100 Säugetiere und 25 Kriechtiere betreut, die etwa 250.000 Besucher anlockten. Inzwischen waren eine Anlage und ein Überwinterungshaus für Stelzvögel sowie ein neuer Ponystall geschaffen worden.
Durch eine flächenmäßige Erweiterung des Tierparkgeländes um zwei Hektar (damit insgesamt 7 Hektar) schuf man 1963 die Möglichkeit für einen weiteren Ausbau. Auf diesem Terrain entstanden in den Folgejahren Gehege für Wölfe, andere hundeartige Raubtiere, für Luchse, Stachelschweine, Schweine und Kuhreiher.

Selbst im Ausland fand die Entwicklung des Görlitzer Tierparks Beachtung, wovon die immer reger werdenden Tiertauschgeschäfte beredtes Zeugnis ablegten. Sogar größte Seltenheiten, wie zum Beispiel ein Schweinsdachs oder Gürteltiere, gelangten nach Görlitz. Der Zoo Wroclaw schenkte dem 9jährigen Tierpark Pumas und ein begeisterter Besucher aus der BRD einen Grünen Leguan.

Historisches-15jahreDer Rahmen eines Heimattierparks war zu diesem Zeitpunkt längst gesprengt, und durch die fortschreitende Erweiterung des Tierbestandes, die mit einer baulichen Aufwärtsentwicklung einherging, sollte er auch weiterhin seine Daseinsberechtigung behaupten. Dies bestätigte unter anderem der anlässlich des 10jährigen Gründungsjubiläums in Görlitz weilende damalige Magdeburger Zoodirektor Dr. Manfred Bürger. Bis dahin waren einige neue Tierunterkünfte, genannt seien die für Luchs, Dam- und Rothirsch, Wisent und das Warmhaus für Raubtiere, entstanden.
Bald stellten sich zum Teil beachtliche Zuchterfolge ein, so bei Europäischen Luchsen, Leoparden, Guanakos, Mantelpavianen, Wisenten und vielen anderen. Direktor Arnold Müller konnte sich in vielen Fällen bei der künstlichen Aufzucht von Zootieren erfolgreich betätigen, wobei die Spanne vom Uhu über Feldhase bis hin zu Mantelpavian, Leopard oder gar Asiatischen Goldkatzen reichte.
Selbstverständlich wurde auch nach Abschluss der wesentlichen Bauvorhaben Augenmerk auf eine Ergänzung bzw. Erneuerung der baulichen Substanz gelegt. Für die Unterbringung von Stroh und Heu errichtete man 1971 eine Scheune, im gleichen Jahr wurde die Fasanerie rekonstruiert, und bis 1979 entstanden weitere Gehege für Papageien, Kamele, Emus und Schnee-Eulen. Einen Höhepunkt bildete die Errichtung der Zooschule, die am 20. September 1974 im Beisein des damaligen Dresdner Zoodirektors Gotthart Berger eröffnet wurde. Damit verfügte der Görlitzer Tierpark als einziger Heimattiergarten über eine sehr großzügige und niveauvoll ausgestattete Einrichtung, in der sich Pädagogen intensiv der naturkundlichen Bildung der Jugend widmen konnten.
Allein für den Aufbau und die Einrichtung der Zooschule stellte der Rat der Stadt 140.000 Mark zur Verfügung, und auch ohne Berücksichtigung der vielen tausend Stunden freiwilliger Helfer sind es einige Millionen, die bis jetzt für den Aufbau des gesamten Tierparks investiert wurden. Nicht zuletzt haben aber auch die ungenannten Tierpfleger, Handwerker, Gärtner und anderen Tierparkmitarbeiter mit ihrem hohen persönlichen Einsatz dazu beigetragen, dass der Görlitzer Tierpark nach wie vor zu den meistbesuchten Kultureinrichtungen des Territoriums zählt.

Dr. Axel Gebauer



Quellen:
Kraft, H.: Zebrapärchen für den Görlitzer Kinderzoo. Görlitzer Kulturspiegel April l957
Kraft, H.: Heimat-Tierpark oder Kinder-Zoo? Görlitzer Kulturspiegel Mai 1957
Kraft, H.: Noch mehr Freude und Erholung im Heimattierpark. Görlitzer Kulturspiegel Februar 1959
Kraft, H.: Entwicklung des Tierparks Görlitz 1959. Bericht an den Abteilungsleiter für Kultur beim Rat der Stadt
Görlitz vom 6. 2. 1960 (Archiv Tierpark Görlitz)
Herzog, P.: Tierpark Görlitz, Blicke hinter die Kulissen. Görlitz 1983
Herzog, P. : 30 Jahre Tierpark Görlitz 1957-1987. Görlitz 1986
Gebauer, A.: Tierpark Görlitz. Görlitz 1982

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